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Finanzwelt vs. Nachhaltigkeit? ver.de-Gründerin Marie im Interview

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Finanzwelt vs. Nachhaltigkeit? ver.de-Gründerin Marie im Interview

ver.de-Gründerin Dr. Marie-Luise Meinhold

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Der Finanzmarkt ist oft schwer greifbar – institutionelle Investor*innen wie Banken, Versicherungen und Investmentfonds schieben täglich Milliarden hin und her. Wo das große Geld eigentlich in der echten Welt wirkt, ist nicht transparent. Aktuell bremst der Widerspurch Finanzwelt vs. Nachhaltigkeit nicht nur Social Entrepreneurship aus, sondern auch aufstrebende Länder in Afrika. Warum die aktuellen Strukturen in der Finanzwelt nachhaltiger Entwicklung im Wege stehen und was sich ändern muss, erklärt ver.de-Gründerin Dr. Marie-Luise Meinhold im Interview.

Der Finanzsektor steht viel in der Kritik – oft ist die Rede von problematischen „Blasen“. Was hat es mit ihnen auf sich?

Dr. Marie-Luise Meinhold: Eine eindeutige oder allgemeine Erklärung für die Entstehung von Finanzblasen gibt es nicht. Aber wenn ich einer Person drei Millionen Euro leihe, diese leiht einer anderen Person drei Millionen Euro und sie leiht die drei Millionen Euro wieder mir, dann haben wir zwar auf dem Papier viel Geld bewegt. Faktisch ist aber nichts passiert. Und es wurde auch kein Mehrwert geschaffen. Und trotzdem ist es so, dass eben viele Institutionen anderen Institutionen mit sogenannten „bonds“ Geld leihen. Und nicht nur der „Bond“-Markt wächst, auch der Markt für „Shares“ – das sind Aktien – nimmt zu. Insgesamt übersteigt das Volumen der „Shares“ und „Bonds“ das Volumen der Realwirtschaft bei Weitem – das versinnbildlicht die Blase. Und niemand weiß, wann sie platzt, so wie das 2008 in den USA passiert ist, woraufhin auch Europa in eine Finanzkrise stürzte.

Wenn Großes Geld in der Realwirtschaft ankommt, dann in der Regel in großen Unternehmen. Wieso ist das so? Wie wird bei großen Finanzunternehmen über Investitionen entschieden?

MLM: Bei Finanzentscheidungen hat der Faktor Sicherheit einen großen Einfluss. Und die Sicherheit von Investitionen wird in der Regel von Rating-Agenturen bestimmt. Oft gelten nur diejenigen Anlagemöglichkeiten als ‚investierbar‘, die Bestnoten bekommen haben, also die höchsten Ratingstufen aufweisen.

Das Rating wiederum bemisst sich in der Regel an der Bonität des sogenannten Emittenten. Und das sind eben sehr oft große Finanzhäuser, also Banken, Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften. Dazu einige Staaten wie zum Beispiel Deutschland und gegebenenfalls noch andere große Unternehmen, sogenannte Blue Chips. Daher gelten Anlagemöglichkeiten, die von diesen ausgegeben werden, als sicher, und entsprechend wird Geld überwiegend hier investiert.

Problematisch ist daran, dass Ratingagenturen damit zum einen eine sehr große Macht haben und zum anderen auch schon wirklich falsch lagen: Besonders prominent wurden die Fehleinschätzungen in der Finanzkrise 2008 bei der Agentur Lehman Brothers und 2020 bei Wirecard. Meiner Meinung nach sollte die soziale und ökologische Wirkung eine größere Rolle auch in der persönlichen Bewertung der Sicherheit einer Anlagemöglichkeit spielen. Denn eine Anlagemöglichkeit, bei der ich die Wirkung gar nicht erkenne, kann ja viel leichter auch wertlos und damit unsicher sein kann.

Wo liegt das Problem, wenn großes Geld nur in große Unternehmen fließt?

MLM: Kleinere und mittlere Unternehmen haben es deutlich schwerer, an Kapital zu kommen, sofern sie nicht über die nötigen Sicherheiten verfügen. Als Sicherheit gilt übrigens in der Regel Immobilieneigentum. Das kann beliehen werden. Nachhaltigkeit spielt dabei keine Rolle.

Alte, traditionelle Unternehmen haben häufig Geschäftsmodelle, die vor mehreren Jahrzehnten entstanden sind: Oft sind es Industrieproduzenten, und ihre Herstellung basiert auf Rohstoffen wie Öl und Stahl. Diese Geschäftsmodelle auf Nachhaltigkeit umzustellen, fällt oft sehr schwer.

Viele Social Entrepreneurs haben erst vor kurzem angefangen. Sie haben ein nachhaltiges Geschäftsmodell, kommen aber wegen der fehlenden Sicherheiten sehr schwer an Kapital. Und daher verändert sich unser Wirtschaftsleben viel zu langsam in Richtung mehr Nachhaltigkeit.

Was bedeuten die Strukturen der Finanzwelt für Social Entrepreneurs? Wie könnten sie besser unterstützt werden?

MLM: Social Entrepreneurs verfügen am besten schon im Vorfeld über Geld. Wenn das nicht der Fall ist, wird es düster. Klar gibt es Fördermöglichkeiten und Impact-Investor*innen. Die zu finden – beziehungsweise deren Erwartungen bei Pitches und Bewerbungen zu erfüllen – ist aber sehr zeit- und energieintensiv. Entsprechend ist das Risiko groß, dass man aufgeben muss, bevor man angefangen hat.

Das Problem hat in meinen Augen zwei Seiten: Zum einen gibt es immer noch viel zu wenig Geld, das wirkungsorientiert angelegt wird. Selbst bei nachhaltigen Geldanlagen ist der Marktanteil nur bei fünf Prozent, bei Impact Investments wird der Anteil geradezu homöopathisch. Zum anderen ist das Zusammenkommen von Investor*innen und Social Entrepreneurs derzeit ziemlich ineffizient. SocEnts bewerben sich ohne Ende und Investor*innen werden überhäuft. Trotzdem gelingt nur sehr selten ein Match. Das muss sich ändern.

Wieso wird beispielsweise kaum in afrikanische Länder investiert?

MLM: In vielen afrikanischen Ländern gibt es gleich mehrere Probleme auf einmal: Korruption, politische Instabilität, Bürgerkrieg, Enteignungen durch den Staat, instabile Währungen. Deshalb galt es lange als äußerst riskant, in Afrika zu investieren. Zudem verbieten manche afrikanische Länder, unternehmerische Gewinne außer Landes zu schaffen.  Das ist nachvollziehbar, aber oft abschreckend für Investor*innen. Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent haben daher oft hohe Risikoaufschläge – das bedeutet, die Rendite muss entsprechend hoch sein, damit der oder die Anleger*in das Risiko in Kauf nimmt.

Dabei sind längst nicht alle afrikanischen Länder gleichermaßen risikoreich. Länder mit den höchsten weltweiten Wachstumsraten liegen in Afrika. Das Bild von einem großen, homogenen „armen schwarzen Kontinent“ ist veraltet. Dort wird das größte Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahrzehnten erwartet. Damit werden in Afrika enorme neue Märkte entstehen. China zum Beispiel hat das längst erkannt. Große europäische Häuser dagegen halten es in Regel noch für uninteressant, in Afrika zu investieren, und machen es nicht.

Nach welchen Kriterien sollten Investor*innen sinnvollerweise Entscheidungen treffen?

MLM: Im Moment sitzen Investor*innen am längeren Hebel. Sie verfügen über Geld, und Geld ist Macht. Sie sollten die Wirkung dieser Macht, wenn sie es noch nicht getan haben, stärker als bisher in den Blick nehmen. Und sie brauchen Unterstützung dabei, damit das auch für sie leichter wird.

Egal wer investiert – man sollte sich als erstes fragen, welches Sicherheitsniveau man will und was man selbst als sicher einstuft. Gängig ist es, sich auf das Urteil von Rating-Agenturen zu verlassen. Wichtig ist auch, zu entscheiden, ob man an das Geld jederzeit wieder rankommen können muss oder ob man sich längerfristig binden kann und will. Dann sollte man sich fragen, welche Wirkung man mit dem Geld erzielen will und welche Möglichkeiten es für nachhaltige Geldanlagen gibt. Weil nur wenige Expert*innen diese Möglichkeiten auch kennen, haben wir den ver.de CHECK konzipiert.

Und im letzten Schritt sollte man sich überlegen, welche Bedeutung man bei den gefundenen Möglichkeiten der Wirkung und welche der möglichen Rendite gibt und mit welcher Mischung aus beidem man jeweils leben kann und will. Die Entscheidung sollte dorthin fallen, wo das Zusammenspiel von Nachhaltigkeit und den klassischen ökonomischen Faktoren Risiko, Verfügbarkeit und Rendite am überzeugendsten ist.

Welche Chancen siehst Du im Impact Investing?

MLM: Ich sehe beim Impact Investing die Möglichkeit, dass Anleger*innen und Anleger mit ihrem Geld eine konkrete Wirkung erzielen können. Die Wirkung hat ihr Geld sowieso, ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht. Aber wenn sie auf die Wirkung achten, haben wir die Chance, dass die Wirkung des Geldes auf unsere Gesellschaft und unseren Planeten insgesamt positiver wird. Daher unterstütze ich die Sustainable Finance Initiative der EU vollkommen, auch wenn ich befürchte, dass sie durch mächtige Lobbyisten verwässert werden könnte. Aber die Richtung, auf die Wirkung zu achten, ist auf jeden Fall richtig.

Wie lässt sich der Konflikt Finanzwelt vs. Nachhaltigkeit lösen? Wie sieht die Versicherungsbranche Deiner Träume aus?

MLM: Ich wünsche mir, dass die Finanz- und Versicherungswirtschaft die Wirkung der immensen Gelder, die sie bewegt, erfasst und aktiv steuert. Ich wünsche mir, dass die Bürger*innen, die Zivilgesellschaft und die Anleger*innen den Hebel erkennen, der in diesen Geldern und in deren Wirkung liegt. Ich wünsche mir, dass wir dieses Geld nutzen, um unseren Planeten gerechter, sicherer und schöner zu machen, dass wir damit unsere Lebensgrundlagen erhalten und allen Menschen ein Leben in Würde ermöglichen. Dass wir damit unsere Bedürfnisse befriedigen und die Erfüllung der Bedürfnisse kommender Generationen nicht gefährden.

Kurz, dass die Gelder zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Und ich wünsche mir auch, dass auf dem Weg dorthin die Ungleichheit geringer wird und Partizipation und Transparenz zunehmen. Ich wünsche mir, dass unsere Parlamente und damit die Gesetzgebung nicht nachlassen, sondern weiter und strenger auf einen Pfad drängen, wo Gelder wirkungsorientiert bewegt werden. Damit wir alle eine Zukunft haben.

Über ver.de

Mit der Gründung von ver.de hat sich Dr. Marie-Luise Meinhold zum Ziel gemacht, Deutschlands erste nachhaltige Sachversicherung aufzubauen. ver.de soll eine Versicherung werden, die anders ist: Nachhaltig, sozial, gemeinwohl-orientiert, genossenschaftlich und transparent. Und dazu die erste Versicherung, die von einer Frau gegründet wurde und aus dem Konflikt Finanzwelt vs. Nachhaltigkeit eine Symbiose macht, von der Mensch und Planet profitieren. Erst nach vollständiger Finanzierung und der Zulassung durch die BaFin dürfen wir uns als „Versicherung“ bezeichnen.

Hinweis: Die vorstehenden Aussagen geben die persönliche Meinung der Verfasserin wieder; eine Haftung für die Richtigkeit kann nicht übernommen werden.

Judith Lehner

Judith Lehner

Judith studiert derzeit Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Sie ist dort als wissenschaftliche Hilfskraft tätig und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit internationaler Wirtschaft und Entwicklungsökonomik. Sie arbeitet seit 2018 als freie Redakteurin für verschiedene Medien und seit 2020 für ver.de im Bereich Kommunikation. Privat begeistert sie sich für Musik und veganes Essen. Ihr Traum ist es, so zu leben, dass sie nur den Anteil des Planeten Erde verbraucht, der ihr zusteht – also etwa ein-siebenmilliardstel.

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