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Gemeinwohl-Ökonomie: Wirtschaft am Wendepunkt?

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Gemeinwohl-Ökonomie: Wirtschaft am Wendepunkt?

Das Wirtschaftssaftssystem unter der Lupe: Wie können wir anders Wirtschaften?

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Mit dem Ziel, Geldströme umzulenken, will ver.de die Welt verändern – und wir fangen bei der Wirtschaft an. Dabei orientieren wir uns an dem Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie: Was uns daran begeistert, liest Du hier.

Wie wollen wir eigentlich wirtschaften?

Der Irrweg der modernen Wirtschaft

Das Wirtschaftssystem, das die Welt beherrscht, hat sich in sich selbst verirrt: Immer mehr Menschen erkennen, dass die Wirtschaft aktuell weder dem Planeten noch der Gesellschaft dient.

Die Bertelsmannstiftung hat schon vor zehn Jahren bei Befragungen festgestellt, dass 90 Prozent der Deutschen und Österreicher*innen glauben, dass wir eine neue Wirtschaftsordnung brauchen.

Klar ist: Die Art des Wirtschaftens beeinflusst uns Menschen in allen Lebensbereichen und unsere Lebensgrundlage. Mit der Entscheidung für ein Wirtschaftssystem fällen wir gleichzeitig eine Entscheidung über unser Wertesystem.

Das scheinen 90 Prozent der Menschen verstanden zu haben – viele haben das Gefühl, einem machtvollen, geldgierigen System ausgeliefert zu sein und sehen, dass es gerade nicht gerecht zugeht auf der Welt.

Es geht auch anders

Dabei gibt es durchaus Alternativvorschläge. Die Gemeinwohlökonomie – kurz GWÖ – ist einer davon. Sie sieht sich selbst als Antwort auf das aktuelle Wirtschaftsmodell – als Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Sie ist eine Ökonomie des Mitmachens – eine demokratische Bewegung, die jeden und jede zum Mitmachen einlädt. Sie will Veränderung: auf wirtschaftlicher Ebene, aber auch in Politik und Zivilgesellschaft.

Die Gemeinwohl-Wirtschaft baut auf eine Reihe von grundlegenden Konzepten und Erkenntnissen auf, die global auf breiten Konsens stoßen – wie die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, demokratische Verfassungswerte, sozialpsychologische Erkenntnisse und naturwissenschaftliche Fakten, allen voran das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen.

Die Bewegung ist völlig unabhängig von Politik und wirtschaftlichen Interessengruppen. Sie lebt von Ehrenamt, Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Gemeinwohl-Unternehmen, die das neue Wirtschaftsmodell mittragen und sich nach Gemeinwohl-Kriterien auditieren lassen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie als ganzheitlicher Ansatz

Gemeinwohl endet nicht bei ökologischer Nachhaltigkeit. Eine Wirtschaft, die auf das Wohl von Menschen und Planeten ausgerichtet ist, braucht eine breitere Wertebasis. Die Gemeinwohlökonomie hat vier Grundwerte identifiziert:

  • Menschenwürde
  • Solidarität und Gerechtigkeit
  • Transparenz und Miteintscheidung und
  • ökologische Nachhaltigkeit.

All diese Werte gelten für sämtliche Berührungsgruppen eines Unternehmens, die in fünf Kategorien eingeteilt werden:

  • Liferant*innen
  • Eigentümer*innen und Finanzpartner*innen
  • Mitarbeitende
  • Kund*innen
  • und das gesellschaftliche Umfeld des Unternehmens.

Die Theorie hinter der Gemeinwohl-Ökonomie

Die Ökonomik auf dem Holzweg

Wer einmal einen Ökonomik-Grundkurs hatte, kann sich vielleicht an Adam Smith und sein Konzept der “Unsichtbaren Hand” erinnern:

Die lenkt – so sah das jedenfalls Herr Smith im 18. Jahrhundert – das Marktgeschehen im Interesse der Gesellschaft, indem sie jeden und jede Einzelne*n dazu bringt, die eigenen wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen.

Frei nach dem Motto: Wen jede*r an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.

Diese Idee hat sich in der Wirtschaftswissenschaft hartnäckig gehalten. Effizienz und Ressourcenallkokation sind die entscheidenden Stichwörter dieses Wirtschaftsmodells.

Doch diese Prinzipien haben ausgesorgt

Die Gemeinwohl-Ökonomie ersetzt Adam Smiths unsichtbare Hand mit einer sichtbaren: Die Zusammenhänge von Wachstum in Kategorien der Gesellschaft und den Zielen der Gesellschaft müssen offen diskutiert und aktiv gesteuert werden – sodass Nachhaltigkeit, ethische und demokratische Aspekte immer im Blickfeld sind.

Überfluss des Wachstums Europa Wien
Schneller – höher – weiter: Das Streben nach unendlichem Wachstum trifft schon jetzt auf die planetaren Belastungsgrenzen. Die Gemeinwohl-Ökonomie will die Wirtschaft in eine andere Richtung lenken.

Neue Rolle für die Wirtschaft

Die Gemeinwohlökonomie will die Wirtschaft in ihre Schranken weisen. Denn etwas sehr Grundlegendes läuft gerade falsch herum: Die Wirtschaft sollte für den Menschen da sein, nicht umgekehrt.

Die Wirtschaft muss also ihre Stellung als oberstes Gut in unseren Gesellschaften an die Ökosphäre abtreten. Ihr folgen dann erst einmal die menschlichen Gesellschaften. Danach, an dritter Stelle, kommt das Wirtschaften. Gewinnstreben und Konkurrenz werden also mit Gemeinwohlstreben und Kooperation ersetzt.

Schon die alten Griechen haben in der Antike erkannt, dass die Ökonomie zu einem guten Leben beiträgt. Irgendwo auf dem Weg ins Heute ist der Gedanke aber abhanden gekommen: Statt nach einem guten Leben zu streben, wurde Geld selbst zum erstrebenswerten Ziel. Eigentlich absurd, wenn man sich das so klar vor Augen führt.

Die Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis

Wirtschaftlichen Erfolg neu messen

Die Erkenntnis, dass Geld an sich keinen Wert für den Menschen hat, führt unweigerlich zu dem Schluss, dass das Bruttoinlandsprodukt – also das Einkommen alleine – nicht weiter Kriterium für erfolgreiches Wirtschaften nach der Gemeinwohlökonomie sein kann. Ersetzt werden soll es durch das Gemeinwohl-Produkt.

Genauso gibt es ein Alterntivkonzept für die Gewinnberechnung: Sie soll durch die Gemeinwohl-Bilanz ersetzt werden. Und Investitionen sollen nicht mehr anhand ihrer Rendite, sondern einer Gemeinwohl-Prüfung bewertet werden.

Wir bei ver.de prüfen unsere Kapitalanlage mit einer gemeinwohlorientierten Wirkungsmatrix. Wie genau das funktioniert, kannst Du in unserem Beitrag “Nachhaltige Kaptialanlage – so investieren wir von ver.de” nachlesen.

Die Gemeinwohl-Matrix

Die Gemeinwohl-Matrix ist Grundlage, wenn bewertet werden soll, inwieweit ein Unternehmen dem Gemeinwohl dient. Sie ist Herzstück der Gemeinwohlbilanz. Feld für Feld legen bilanzierende Unternehmen in ihrem Geimeinwohl-Bericht offen, wie sie in dem jeweiligen Bereich aufgestellt sind.

Die Matrix verknüpft die vier Grundwerte mit den fünf Berührungsgruppen im Umfeld von Unternehmungen. Das ergibt 20 einzelne Felder, in denen ein Gemeinwohl-Unternehmen insgesamt maximal 1.000 Gemeinwohl-Punkte erreichen kann.

Gemeinwohl-Matrix
Die Gemeinwohl-Matrix ist die Grundlage für bilanzierende Unternehmen. Die Grafik stammt von: https://web.ecogood.org/de/unsere-arbeit/gemeinwohl-bilanz/gemeinwohl-matrix/

Gemeinwohl-schädigende Praktiken werden mit Minus-Punkten bewertet. Der schlechteste Wert, den man erzielen kann, liegt bei minus 3.600 Punkten.

Die Gemeinwohl-Matrix ist für Unternehmen aller Branchen, Größen und Rechtsformen anwendbar. Vereine und Bildungseinrichtungen können sich genauso angesprochen fühlen wie Genossenschaften, kleine und mittelständische Unternehmen sowie Weltkonzerne.

Und sogar einige Gemeinden sind schon gemeinwohlzertifziert – die ersten lagen im österreichischen Voralberg und Südbayern.

Da verschiedene Unternehmen auch unterschiedliche Wirkungen auf das Gemeinwohl haben, wird die Gewichtung der 20 Themenfelder individuell angepasst. Der Ausgangspunkt liegt bei 50 Punkten pro Matrixfeld.
Mittlerweile ist Matrix-Version 5.0 aktuell – und da die Gemeinwohl-Ökonomie eine demokratische und dynamische Bewegung ist, kann sich das auch noch einige Male ändern.

Sind Gemeinwohl-Punkte wirklich die Lösung?

Klar – auch die Gemeinwohl-Matrix spuckt am Ende eine Zahl aus, über deren Aussagekraft sicher gestritten werden kann. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Gemeinwohlbilanz und Bruttoinlandsprodukt: die eine quantifiziert, das andere monetarisiert.

Wenn wir weiter danach streben, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern, werden wir weiter Grenzen überschreiten. Ein begrenzter Planet kann nun mal kein ungebremstes Wirtschaftswachstum tragen. Dazu kommt, dass Geld alleine keine Aussagekraft über die Zufriedenheit von Menschen hat – diese Erkenntnis ist nicht neu.

Eine quantifizierte Gemeinwohl-Punktezahl für sich kann das auch nicht – doch sie schafft Vergleichbarkeit und damit auch Anreize, mehr Nachhaltigkeit im Unternehmen zu etablieren.

Später soll es auch auf sämtlichen Produkten ein Gemeinwohl-Siegel geben. Auf einen Blick soll so beim Einkaufen klar sein, ob ein Produkt ethisch vertretbar und gemeinwohlfördernd ist – oder eben nicht. Vollständige Transparenz für Konsument*innen führt hoffentlich dazu, dass sich mehr und mehr Menschen für ökologische und soziale, nachhaltige Alternativen eintscheiden.

Erfolgsgeschichte Gemeinwohl-Ökonomie

Alles begann mit einem tanzenden Ökonom

Schon 2010 hat der Österreicher Christian Felber die Gemeinwohlökonomie gegründet. Als studierter Philologe und nebenfachlicher Politikwissenschaftler, Psychologe und Soziologe publizierte er schon während seines Studiums über Themen, die sich in der Gemeinwohlökonomie wiederfinden. Weil er seit 2004 auch als zeitgenössischer Tänzer und Performer auftritt, bezeichnet er sich selbst gerne als “tanzender Ökonom”.

Schon bevor er die GWÖ ins Leben rief war Christian Felber bei dem österreichischen Ableger der internationalen Bewegung “Attac” aktiv. Auch sie setzt sich für eine demokratische und sozial gerechte Gestaltung der globalen Wirtschaft ein.

Mit dem Buch “Gemeinwohlökonomie” hat Christian Felber das ideelle Fundament der Bewegung verschriftlicht, das den ZEIT WISSEN-Preis: “Mut zur Nachhaltigkeit 2017” erhielt.

Seitdem sind noch weitere Bücher erschienen: “Ethischer Welthandel” von 2017 und im vergangenen Jahr “This is not economy”, in dem er sich damit auseinandersetzt, was sich in der Wirtschaftswissenschaft ändern muss.

Global denken, lokal handeln: Die GWÖ breitet sich aus

Die Gemeinwohlökonomie schaffte es bald aus Österreich heraus: Sieben Jahre nach der Gründung konnte sie schon mehr als 2.300 Unternehmen und immer mehr Gemeinden, Hochschulen und Privatpersonen hinter sich zählen.

Mittlerweile gibt es Gemeinwohlgruppen und auditierte Unternehmen auf drei Kontinenten. Organisiert ist die Bewegung in Regionalgruppen und Vereinen. Auf der GWÖ-Website kannst Du herausfinden, ob es in Deiner Nähe schon eine gibt – oder ansonsten einfach selbst die Gruppe gründen.

Die Regionalgruppen wirken an der Gemeinwohlökonomie mit, indem sie Menschen aus ihrer Umgebung in Wirtschaft und Politik, Kultur- und Bildungseinrichtungen ansprechen, motivieren und so die Gedanken der Gemeinwohl-Ökonomie verbreiten.

Außerdem gibt es einen GWÖ-Forschungsverein. Er dient als Koordinationsstelle innerhalb der Bewegung in Europa und will die Erneuerung des Wirtschaftssystems aus einer theoretischen Position heraus vorantreiben. Langfristig hat der Forschungsverein das Ziel, eine aktive wissenschaftliche Gemeinschaft aufzubauen, in der nachhaltige Wege für die Wirtschaft der Zukunft fundiert diskutiert werden.

Planet Erde bei Nacht
Immer mehr Lichter leuchten bei Nacht auf der Erde – ein Zeichen für wirtschaftliche Entwicklung. Doch zu welchem Preis? Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine internationale Bewegung, die alle mitnehmen will – weltweites menschliches Wohlbefinden muss ohne grenzen- und verantwortungsloses Wachstum möglich sein.

ver.de und die Gemeinwohl-Ökonomie

Schon 2017 sind wir mit der ver.de Genossenschaft dem Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie Wien und dem Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V. beigetreten – denn die GWÖ ist in den ver.de Grundsätzen tief verankert.

Die ver.de eG ist gemeinwohlbilanziert!

Für die ver.de Genossenschaft haben wir dann im Jahr 2018 eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Gemeinsam mit zwei weiteren ökologisch-sozialen Finanzakteuren haben wir uns für eine sogenannte Peer-Evaluation entschieden.

Das bedeutet, wir hatten keine externe Prüfung im Haus. Stattdessen haben wir ver.de gemeinsam mit den beiden Peergroup-Mitgliedern geprüft und über sie externes Feedback eingeholt.

Begleitet wurde die Peergroup von Katja Ungar. Sie ist ausgebildete Gemeinwohl-Beraterin. Du willst mehr über Katja wissen? Auf dem ver.de Blog findest Du ein Interview mit ihr.

Selbstkritisch und sorgfältig sind wir alle Felder der Gemeinwohlmatrix durchgegangen und haben 530 Punkte erzielt – ein Wert, mit dem wir für den Moment sehr zufrieden sind.

GWÖ-Logo: Bilanzierendes Unternehmen
Mit diesem Siegel darf sich die ver.de eG seit zwei Jahren schmücken.

Trotzdem wollen wir in den Feldern, in denen wir noch keine Glanzleistungen verbuchen können, natürlich besser werden. Die Gemeinwohlökonomie ist unser Antrieb in Sachen Nachhaltigkeit im Unternehmen.

In manchen Feldern hat sich seit der Evaluation 2018 auch einiges getan: Innerbetriebliche Mitentscheidung und Transparenz würden wir heute sehr hoch einschätzen – Alleingänge gibt es bei ver.de nicht. Und auch Kund*innenbeziehung und Produkttransparenz haben bei uns einen hohen Stellenwert.

Unser weiterer Weg Hand in Hand mit der GWÖ

Gleichzeitig sehen wir die Gemeinwohlmatrix auch als Inspiration: Wie könnten in Zukunft Anreize für Mitarbeiter*innen aussehen, um bei ihnen ökologisches Verhalten zu fördern? Wie können wir Arbeitsverträge möglichst fair und sozial gestalten? Und wie können wir unseren Beitrag zum Gemeinwesen signifikant erhöhen? All das diskutieren wir – und freuen uns auch über Anregungen dazu von Außen.

Die ver.de AG ist aktuell noch nicht bilanziert – das wollen wir aber im kommenden Jahr endlich in Angriff nehmen. Denn mit unserer Kapitalanlage stärken wir schon heute an vielen verschiedenen Stellen das Gemeinwohl. Die spätere ver.de Versicherungs-AG wäre die erste gemeinwohlbilanzierte Versicherung in Deutschland.

Gemeinsam eine gemeinwohl-bilanzierte Versicherung aufbauen?

Aktuell befindet sich ver.de noch im Aufbau – erst nach vollständiger Finanzierung und der Zulassung durch die BaFin dürfen wir uns als „Versicherung“ bezeichnen.

Du kannst uns dabei helfen, dass wir schneller ans Ziel kommen: indem Du Mitglied der ver.de Genossenschaft wirst. Die Genossenschaft wird später Hauptaktionärin der Versicherungs-AG sein.

So stellen wir sicher, dass alle Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlgrundsätze erhalten bleiben, wenn die Versicherung wächst. So bereiten wir gemeinsam den Weg für eine Finanzwirtschaft, die am Gemeinwohl orientiert ist – bist Du dabei?

Hinweis: Die vorstehenden Aussagen geben die persönliche Meinung der Verfasserin/Herausgeberin wieder; eine Haftung für die Richtigkeit kann nicht übernommen werden.

Judith Lehner

Judith Lehner

Judith studiert derzeit Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Sie ist dort als wissenschaftliche Hilfskraft tätig und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit internationaler Wirtschaft und Entwicklungsökonomik. Sie arbeitet seit 2018 als freie Redakteurin für verschiedene Medien und seit 2020 für ver.de im Bereich Kommunikation. Privat begeistert sie sich für Musik und veganes Essen. Ihr Traum ist es, so zu leben, dass sie nur den Anteil des Planeten Erde verbraucht, der ihr zusteht – also etwa ein-siebenmilliardstel.