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Interview: Changing Cities – Starke Stimme für mehr Radverkehr

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Interview: Changing Cities – Starke Stimme für mehr Radverkehr

Changing Cities setzt sich für mehr Radverkehr und Mobilität in Städten ein.

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Changing Cities ist eine Bürger*innenbewegung, die sich seit sechs Jahren für mehr und sicheren Radverkehr einsetzt. Durch eine schnelle Mobilitätswende sollen unsere Städte lebenswerter werden. Wir sind neugierig: Was steckt dahinter und wie sieht unser Radverkehr der Zukunft aus?

Euer Verein „Changing Cities“ ist aus der Initiierung eines Fahrrad-Volksentscheid hervorgegangen. Wie kam es zu der Idee und was genau ist denn ein Volksentscheid?

Changing Cities: „Einer kleinen Gruppe begeisterter Berliner Radfahrer*innen riss 2015 der Geduldsfaden: Ohne nennenswerte Ergebnisse wurde seit über 40 Jahren auf allen erdenklichen diplomatischen Wegen versucht, den Radverkehr in Deutschland zu verbessern. Es waren wirkungsvollere politische Druckmittel nötig.

Wir entschieden uns für einen Volksentscheid: Bei 20.000 Unterschriften ist der Berliner Senat, gezwungen, sich mit dem angesprochenen Thema zu beschäftigen. Mit diesem Vorhaben gelang den Aktivist*innen 2016 ein überwältigender Erfolg: Innerhalb von 3,5 Wochen sammelten wir über 100.000 Unterschriften für eine fahrradfreundliche Stadt.

Das Ergebnis: das erste deutsche Mobilitätsgesetz, das Vision Zero (also Null Verkehrstote und Schwerverletzte) sowie Vorrang für Fuß-, Rad- und öffentlichen Nahverkehr vorschreibt.“

Ihr habt verschiedene Aktionen gestartet, um auf die Interessen von Fahrradfahrer*innen aufmerksam zu machen. Welche Aktion ist Euch ganz besonders im Gedächtnis geblieben?

Changing Cities: „Eine unserer wirkmächtigsten Aktionen wurde auf einem Foto festgehalten: Wir mieteten zwei 7,5-Tonner und stellten diese auf die Straße. Dann ließen wir ein Kind auf einem sogenannten „Radstreifen in Mittellage“ bzw. einer Fahrradweiche durch diese (stillstehenden!) Lkw hindurchfahren. Das Foto der geballten motorisierten Gewalt gegenüber einem radelnden Kind auf einer „Angstweiche“ zeigt ungeschönt, wie Radinfrastruktur heute immer noch aus der Windschutzperspektive gedacht wird. Das Foto ging über die soziale Medien um die Welt.“

Mit einer spektakulären Aktion zeigt Changing Cities, wie gefährlich der Radverkehr sein kann. Die Bürgerinitiative setzt sich für sichere Radwege und mehr Mobilität in Städten ein.

Kann man sagen, Ihr seid eine „Lobby für Fahrradfahrer*innen“?

Changing Cities: „Wir sind eine Lobby für diejenigen, die kaum gehört werden: für Fußgänger*innen und Radfahrende. Der ehemalige Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sprach in seiner Regierungszeit 80-mal mit Stakeholdern aus der autonahen Mobilitätsbranche – ein einziges Mal lud er Umweltgruppen ein. Viele Autofahrer*innen empfinden, dass Radfahrende zu viel Raum beanspruchen – aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Wir möchten zeigen, dass die autogerechte Stadt nur Partikularinteressen berücksichtigt. Diese Politik kann und muss man aber ändern. Ein Beispiel: In Berlin gibt es auf 1.000 Einwohner*innen 336 Pkw, und nur etwa 26 % Berliner*innen nutzen das Kfz für ihre Wegstrecken. Als Lobby möchten wir vor allem gängige Narrative in Frage stellen und neue Perspektiven in die Debatte über die zukünftige Mobilität einbringen.“

Ihr habt Euch die Gestaltung einer schnellen Verkehrswende zum Thema gemacht. Was genau muss sich ändern?

Changing Cities: „Ohne weniger Autos wird es nicht gehen. Auf diesen kurzen Satz kann man die Verkehrswende reduzieren. Wir brauchen Städte für Menschen statt für Autos. Der ÖPNV muss ausgebaut werden. Fuß- und Radverkehr benötigen mehr Platz und müssen höher priorisiert werden. Soziale Ungleichheiten, die bei der Transformation entstehen, müssen ausgeglichen werden.

Ökonomische Privilegien für Autobesitz und -nutzung sind zügig abzubauen. Mobilität muss unter der Lupe des Klimawandels betrachtet und dementsprechend angepasst werden. Die Notwendigkeit, etwa die Hälfte der CO2-Emissionen bis 2030 im Verkehrssektor einzusparen, ist eine einmalige Chance, den öffentlichen Raum neu zu definieren und neu zu nutzen. 

Mit unserer Kiezblock-Kampagne verdeutlichen wir diesen Konflikt: Die Straßen im Wohnumfeld von Menschen werden von parkenden Autos und Durchgangsverkehr dominiert. Was passiert, wenn der Durchgangsverkehr ausgeschlossen wird und die Straßen für die Anwohner*innen geöffnet werden? Über 50 lokale Initiativen in Berlin setzen sich dafür ein, den öffentlichen Raum neu zu gestalten.“

Ihr wollt nicht nur mehr Fahrradwege, sondern auch weniger Autos in der Stadt. Reicht das, um allen Menschen weiterhin Mobilität zu ermöglichen? Welche Möglichkeiten haben Menschen mit langen Arbeitswegen?

Changing Cities: „Das Problem der Pendler*innen ist mit dem Ausbau der autogerechten Stadt entstanden. Wenn jede*r individuell mobil ist, können alle Menschen auch selber ihre Wege aussuchen, so die damalige Denke. Das Ergebnis sind aber verstopfte Straßen, giftige Luft, Lärm und 3.000 Verkehrstote jedes Jahr. Das Problem der langen Wege jetzt zurückzudrehen, ist eine echte Herausforderung.

Aber wir wissen auch, dass es eine Minderheit betrifft: 40 Prozent aller Autowege sind unter 5 km, 70 Prozent unter 10 km. Für die Mehrheit funktionieren also Lösungen mit ÖPNV, Rad- und Fußverkehr. Für die Minderheit der Langstrecken-Fahrer*innen müssen wir das ÖPNV-Angebot natürlich ausweiten.

Aber es braucht auch Sharing-Lösungen und gute modulare Angebote, so dass der Wechsel zwischen Mobilitätsformen erleichtert wird. Und wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir zukünftig mit nur einem Verkehrsmittel von A nach B kommen. Gleichzeitig steht aber dann für die Wenigen, die wirklich aufs Auto angewiesen sind, viel mehr Platz zur Verfügung.“

Und so sollte es überall aussehen – sicherer Radverkehr und weniger Autos in der Stadt. Changing Cities macht sich für eine grüne Verkehrswende stark.

Ein Vorschlag von Euch ist die Einführung einer „Freien Straßen Prämie“. Was genau ist das?

Changing Cities: „In den 27 Jahren seit der Bahnreform 1994 wurden kaum Erfolge in der erforderlichen Verkehrsverlagerung weg vom Auto erzielt. Stattdessen gibt es 35 Prozent mehr Autos in Deutschland. Wir brauchen also weitere Mittel, um die Menschen zum Umsteigen zu bewegen.

Die #FreieStraßenPrämie ist eine Belohnung und Wertschätzung für alle Bürger*innen, die freiwillig auf ein Auto verzichten und so die Straßen für vielfältige Nutzung und gesellschaftliches Leben freihalten. Anfangs schlagen wir für jeden Erwachsenen 1.100 Euro pro Jahr vor, für jedes Kind in einem autofreien Haushalt gibt es zusätzlich 550 Euro.

Die #FreieStraßenPrämie verstärkt die Wirkung anderer Verkehrswendemaßnahmen und ist somit ein weiterer Schritt in Richtung lebenswerter Städte.“

Mit ver.de BIKE bieten wir Fahrradfahrer*innen einen Schutz vor Diebstahl, Vandalismus, Unfall und Sturz – und zwar in nachhaltig. Was ist Eurer Meinung nach bei einer Fahrradversicherung* oder einem Schutz wichtig, damit er die Kund*innen realitätsnah schützt?

Changing Cities: „Es werden nach wie vor viel zu viele Fahrräder geklaut und nie wieder gefunden. Nur etwa 10 Prozent aller Fahrraddiebstähle, die überhaupt gemeldet werden, werden aufgeklärt. Man geht hier von einer enorm hohen Dunkelziffer aus. Für Fahrradbesitzer*innen sind Versicherungen deshalb so wichtig, weil ein Diebstahl die Mobilität der Besitzer*innen zumindest zeitweise stark einschränkt.

Bis zum Versicherungsfall ist es natürlich wichtig, dass das Versicherungskapital nachhaltig „arbeitet”. Das hat uns von Changing Cities bei ver.de BIKE überzeugt.

Darüber hinaus waren für uns zwei Dinge besonders wichtig: zum einen, dass der Schutz gilt, egal, wer von unserer Organisation mit unseren Rädern unterwegs ist. Das macht die Nutzung für uns deutlich einfacher und bei den vielen dezentralen Einsätzen flexibler. Und zum anderen, dass wir auch Zubehör und untypische Modelle problemlos mitsichern können und daher keine Sorgen haben müssen, dass wir Sonderausstattungen nicht ersetzt bekommen.“

So viel kann die Zivilgesellschaft bewegen: Über 100 000 Menschen in Berlin haben für einen mehr und sicheren Radverkehr unterschrieben – Der Volksentscheid war ein voller Erfolg!

Welchen Rat habt Ihr für Menschen, die sich selbst für Fahrradfahren stark machen wollen?

Changing Cities: „Das Wichtigste ist, sich politisch zu engagieren. Das Zweitwichtigste ist, sich politisch zu organisieren. Nur so können wir das Fahrradfahren in das Bewusstsein der der Entscheidungsträger*innen rücken. Es gibt jede Menge Vereine und Verbände, denen man sich anschließen kann.

Aber am einfachsten ist es oft, im eigenen Wohnumfeld zu starten. Hier sind die Anwohner*innen ja die Experten – sie wissen beispielsweise, wo die gefährlichen Kreuzungen sind und wo es an Infrastruktur mangelt. Oft gibt es Elterngruppen an Schulen, die sich für Verkehrsberuhigung einsetzen. Oder es gibt vielleicht sogar schon eine Kiezblock-Initiative, die den öffentlichen Raum im ganzen Viertel im Blick hat.

In über 50 Städten in Deutschland gibt es Radentscheide, initiiert von Stadtbewohner*innen, die einfach nur sicher und komfortabel Rad fahren wollen. Jede*r kann sich natürlich jederzeit bei Changing Cities melden – gemeinsam finden wir einen Weg, Eure individuellen Superkräfte einzusetzen.“

Ragnhild Soerensen von Changing Cities hat unsere Fragen zur Zukunft mit sicherem Radverkehr beantwortet. Danke für das spannende Interview! Ihr wollt auch aktiv werden? Dann schaut doch mal bei Changing Cities vorbei oder engagiert Euch bei Eurem Verein vor Ort.

Weitere spannende Artikel, Ratgeber und Interviews rund um die Themen Sustainable Finance, nachhaltige Mobilität und nachhaltig Wirtschaften findest Du auf unserem ver.de Blog.

*Erst nach vollständiger Finanzierung und der Zulassung durch die BaFin dürfen wir uns als „Versicherung“ bezeichnen.

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Maraike Schäfer

Maraike Schäfer

Maraike studiert Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Sie hat sich auf den Bereich Umwelt- und Entwicklungsökonomik spezialisiert und arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft. In Ihrer Freizeit setzt sie sich als Mitgründerin des „Klimaentscheid Bayreuth“ für die Umsetzung der Klimaneutralität in Ihrer Stadt ein. Ihre Zukunftsvision ist eine Welt, die ein Stück sozial gerechter ist. Dafür braucht es mehr Nachhaltigkeit und die dringende Transformation der Finanzwelt findet sie.

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